Mai 30, 2021

Potenzialentfaltung

 

So, es ist raus, Deutschland steht mal wieder, was die Gleichstellung von Mann und Frau angeht, ziemlich schlecht da.

Die Kohle landet bei den Männern … und das wissen wir ja, wer in diesem Land die Kohle hat, der sagt an, was und wie es läuft.

Das ist äußerst misslich, finde ich.

Und ganz ehrlich, mich macht diese Gender Pay Gap wütend. Richtig wütend. Auch auf mich.

Weil ich sie in gewisser Weise mit zu verantworten habe.

Als promovierte Juristin, die in ihren jungen Jahren dem naiven Irrglauben unterlegen ist, dass ich eine gleich berechtige Playerin in unserer Arbeitswelt bin, trage ich mit die Verantwortung, dass diese Gender pay gap nach wie vor so düster aussieht, wie sie aussieht.

Ich trage mit die Verantwortung, weil ich in meinem Berufsleben die üblichen „Frauenfehler“ gemacht habe und eben nicht getan habe, was ich von Beginn an hätte tun sollen: Meine vollen Potenziale als Frau zu entfalten.

Und im besten Sinne der Potenzialentfaltung all meine weibliche Kraft und Macht von Beginn an so einzubringen, dass genau das eingetreten wäre, was hätte eintreten sollen: dass ich für die gleiche oder sogar bessere Leistung das gleiche oder besser verdiene wie die Männer.

 

Aber wieso läuft das so?

 

Wenn wir wirklich ehrlich sind, leben wir nach wie vor in einer frauenfeindlichen Welt. Hier und heute in Deutschland.

Die Gründe hierfür sind selbstredend vielschichtig und reichen für die jüngere Geschichte ganz sicher bis in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück.

Das Trauma, welches der Nationalsozialismus auch für die deutschen Frauen bedeutete, ist weitreichend und geht tief. Bis heute.

Betrachten wir die rein geschäftliche Ebene … ist es auch erschütternd. Und gerade mal gute 50 Jahre her.

Erst im Jahre 1977 durfte eine (verheiratete) Frau selbstständig ihren eigenen Arbeitsvertrag unterschreiben. Bis zu diesem Jahr hätte ihr Mann jederzeit ihren Arbeitsvertrag kündigen können.

Als ich nach dem Tod meiner Großmutter für die Erbsachen die Unterlagen durchforstete, fand ich all die alten Briefe, in denen meinen Großvater in den 70er Jahren ihre Vermögensangelegenheiten regelte und immer schrieb „meine Gattin möchte … “. Dabei ging es einzig und allein um ihr Erbe.

Mein erster Gedanke war damals, Gott, was für eine unselbstständige Frau.

Und dann wurde mir erst klar, sie hätte es gar nicht selbst regeln dürfen, weil man einer Frau noch in diesen Zeiten lediglich zugestand, Waren des täglichen Bedarfs selbstständig zu erwerben. Sie hätte nicht mal ein Klavier alleine kaufen dürfen!

Die Liste der Entmündigung und Entwürdigung der Frauen ist noch lang. Und geht nach wie vor leider sehr viel tiefer und weiter als nur in diesen geschäftlichen Angelegenheiten.

Das freie Frausein und das, was Frauen brauchen würden, um als gleichberechtigte Partner agieren zu können, kommt in der Gestaltung unserer Lebenswirklichkeit und unserer Gesellschaft noch immer nicht wirklich vor.

Wie soll es das auch, sind doch die Posten, wo unsere Lebenswirklichkeiten entschieden werden, nach wie vor hauptsächlich mit Männern besetzt. In unserem Parlament sitzen derzeit wieder weniger Frauen als je. In den Vorstandsetagen sind sie auch nicht zu finden.

 

Warum ist das so?

 

Ich habe in den letzten Jahren immer wieder den Satz gehört, ja, am Ende wollen die Frauen ja auch gar nicht Karriere machen. Sie haben dann andere Prioritäten. Und irgendwie auch keine Lust auf das, wie es läuft.

Diese Sätze sind gelinde gesagt eine Frechheit. Wenn sie aus einer gewissen Männerecke kommen.

Und drücken paradoxer Weise dabei genau die Wahrheit aus:

Ganz genau, die Frauen haben tatsächlich keine Lust, auf das, wie es gerade läuft. Sie wollen Karriere machen. Und zwar auf ihre Art und Weise.

Ganz richtig, die Frauen haben andere Prioritäten als die Männer, nämlich die, die ihren Werten und Bedürfnissen entsprechen.

Und ja, sie haben keine Lust auf das, wie es gerade insgesamt läuft. Sie haben nämlich viele neue, gute Ideen, wie es anders laufen kann.

Aber: Vera Birkenbihl sagte, „wenn jemand Jahrhunderte lang unterdrückt wird, dann gehören da auch immer zwei dazu“.

Ich werde nie vergessen, wie einer meiner Chefs ganz nebenbei einmal zu mir sagte: „Frau Dostal, tun Sie Gutes. Und reden Sie dann aber auch bitte darüber.“

Ich war empört, war ich doch der Auffassung, dass ich einfach gut zu leisten hätte und es Aufgabe aller anderen sei, zu sehen, was und wie sehr ich leistete.

Und damit sind wir genau da, dass die Gender Pay Gap mich als Frau geradezu verpflichtet, meine Potenziale voll zu entfalten.

Denn es wird so bleiben, wie es ist, wenn wir Frauen nicht anfangen, wirklich die Verantwortung für uns zu übernehmen. Wenn wir Frauen nicht anfangen, unseren weiblichen Raum zu füllen und wirklich voll auszufüllen. Mit allem, was dazu gehört. Auch der angemessenen Kohle.

Denn niemand kann sich meine Zähne putzen. Niemand kann für mich abnehmen. Niemand kann mein Leben leben. Niemand kann mir einen Wert geben, den ich mir nicht selbst gebe.

Und deswegen kann auch nur ich meine Potenziale, also meine Kraft und meine Macht entfalten und in diese Welt bringen. Und damit dafür sorgen, dass sich Gräben schließen, die sich über Jahrhunderte in unsere Gesellschaft gegraben haben.

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